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Günter Kochendörfer: Plastizität des Gehirns und Hirnleistungstraining

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Es ist nicht einfach, von den kognitiven Funktionen her etwas zum Thema "Plastizität des Gehirns" zu sagen, ohne sich allzusehr in unbekanntes Terrain vorzuwagen. Vielleicht wird einem am ehesten einfallen - was wohl sofort nachvollziehbar ist - daß wahrscheinlich Inhalte, Denkbahnen, die sich im Lauf des Lebens bewähren, immer stärker gemacht werden. Dazu müßte dann wahrscheinlich auch das Gegenstück gehören, daß nämlich konkurrierende, potentiell störende Bahnen im Lauf der Zeit schwächer oder gar dauerhaft unbenutzbar werden.

Wenn wir akzeptieren, daß uns die Evolution aus naheliegenden Gründen mit dieser lebenserhaltenden Funktion ausgestattet hat, dann sollte das auch bedeuten, daß wichtige Vorgänge im Lauf des Lebens immer sicherer funktionieren, auf Kosten anderer, die nicht mehr so leicht wiederbelebbar sind.

Das heißt, wir haben mit einer Zunahme der Funktionssicherheit zum Preis einer Abnahme der Kreativität zu rechnen.

Es ist durchaus anzunehmen, daß es die Evolution gut mit uns gemeint hat. Es könnte aber auch sein, daß wir heute länger leben, als von der Evolution vorgesehen ist und daß sich ab einem bestimmten Zeitpunkt der positive Effekt in einen potentiell negativen verkehrt: zu große Erstarrung des Denkens, zu großer Rückbau von konkurrierenden Ressourcen.


Wenn wir diesen Punkt erreicht haben, ist nur noch schwer eine Möglichkeit zu sehen, etwas zu korrigieren.

Was kann man überhaupt tun, um Kreativität einerseits und Funktionssicherheit andererseits möglichst lange in einem Gleichgewicht zu halten?

Es ist kaum vorstellbar, daß eine Vergrößerung des starren Informationsbesitzes einer Person durch immer neues Lernen, das im Laufe der Zeit immer mühsamer wird, etwas Sinnvolles bewirkt.

Eine andere Möglichkeit ist, daß man möglichst frühzeitig eine Art von Lernen praktiziert, die plakativ als "Lernen-um-zu-vergessen" bezeichnet werden könnte. Das ist eine Form von Lernen, die nicht darauf aus ist, das Wissen oder Können einer Person zu steigern, sondern ausdrücklich die Funktion hat, die Plastizität oder Kreativität des Gehirns zu erhalten.

Das funktioniert von den neuronalen Funktionen her gesehen so, daß möglichst viele verschiedene Inhalte kurzfristig und an denselben Kortexpositionen verankert werden. Die Vielfalt der Inhalte sorgt dafür, daß möglichst viele konkurrierende Verarbeitungsbahnen im Gehirn erhalten bleiben. Das Vergessen des Gelernten ist eine wesentliche Voraussetzung.

Das Gehirn sollte dadurch "plastisch" bleiben im Sinne des Fortbestands einer kreativen Vielfalt von Verarbeitungsmöglichkeiten, das heißt auch Lernmöglichkeiten, ... solange keine pathologischen und durch Training nicht beeinflußbaren Vorgänge wirksam werden.




Dieser Beitrag wurde am 25.01.2001 von Günter Kochendörfer eingesandt und an die Mailingliste weitergereicht. Kontakt: kochendo@uni-freiburg.de.
Für Gegendarstellungen und Diskussionsbeiträge: biomod-editor@biomod.de.


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